Auf der Flucht

Zwei Kugeln stecken in Quamarey Cismans Schädelknochen. Nur durch Zufall überlebt sie einen Angriff von Milizen in Somalia. Sie will eine sichere Zukunft für sich und ihre Kinder und flieht nach Europa.

Quamarey Cisman kommt aus Somalia. Ihr Stamm hat nur einen niedrigen sozialen Status. Immer wieder kommt es daher zu Überfällen auf ihr Dorf. Als ihre Familie keinen Besitz mehr hat, erschießen die Milizen erst ihre Mann, einen ihrer Söhne und dann – so glauben sie zumindest – auch sie. Nach zwei Tagen im Koma erwacht sie in der Blutlache ihres Mannes und beschließt nach Europa zu fliehen. Sie nimmt die überlebenden Kinder und bricht auf – ohne Proviant und ohne konkretes Ziel.

Quamarey Cisman

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Nach mehreren Etappen in klapprigen Autos und zu Fuß durch die Wüste, erreicht sie ausgezehrt die Küste Libyens. 2.800 Euro verlangen die Schlepper von Cisman für sie und ihre Kinder für die Überfahrt nach Europa auf einem Boot. Das Geld erarbeitet sie sich in mehreren Jahren in kleinen Restaurants und auf den Straßen Libyens.

Nachdem sie Schlepper gefunden hat, die sie nach Europa bringen, beginnt das Warten auf die Überfahrt. Jeden Abend müssen sie und 120 andere Flüchtlinge auf einem LKW durch die Nacht fahren, um eine Stelle zu finden an der sie unbehelligt von der örtlichen Polizei das Boot besteigen können.

Die Boote selbst sind viel zu klein für die Anzahl der Passagiere. Trinkwasser und Lebensmittel gibt es so gut wie nicht. Über 150 Menschen werden auf ein winziges Boot gepresst. Um ihre Kinder zu schützen, hält Quamarey Cisman sie über weite Strecken der Fahrt hoch. Eine Freundin verliert beim Einstieg ihre Kinder und kann diese nicht beschützen – sie werden zwischen den Menschenmassen erdrückt.

Flüchtlingsboot

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Nach 72 Stunden Überfahrt erreicht Quamarey Cisman erschöpft Süditalien – in Europa erhält sie subsidiären Schutz – darf also bleiben bis die Lage in Somalia wieder stabil ist.

Dass sie überhaupt in Europa ankommt, ist Glück. Viele der Boote erreichen ihr Ziel nicht. Sie geraten durch schlechtes Wetter in Seenot oder treiben aufgrund technischer Mängel manövrierunfähig auf dem Mittelmeer. Viele Flüchtlinge ertrinken oder verdursten, bevor sie die Küste Europas erreichen.

Quamarey Cisman ist kein Einzelfall – weltweit sind über 40 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als die Hälfte davon in Afrika.

Flüchtlingszahlen

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Jährlich versuchen bis zu 45.000 Menschen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Schätzungen zu Folge sind seit 1993 über 20.000 Menschen vor der Küste Italiens ertrunken. Erste Anlaufstelle für die Flüchtlinge ist unter anderem die süditalienische Insel Lampedusa. Bis zu 20.000 Flüchtlinge erreichen die Insel jährlich – Platz bieten die dort überhastet errichten Flüchtlingslager für gerade einmal 400 Menschen. Zu Spitzenzeiten während des Arabischen Frühlings hielten sich dort 6.000 Menschen auf.

Ähnlich ist die Lage in Griechenland im Flüchtlingslager Amygdaleza in der Nähe von Athen. Bis zu 1.000 Flüchtlinge leben dort hinter Stacheldraht auf engstem Raum. Liegt für die Flüchtlinge kein Asylgrund vor, werden sie von dort direkt abgeschoben. Ist eine Abschiebung nicht möglich, werden sie nach 18 Monaten mit etwas Bargeld auf die Straße gesetzt – nur um von der Polizei wenig später wieder aufgegriffen zu werden.

Flüchtlingslager in Griechenland

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Eines eint die Flüchtlinge in Italien und Griechenland – sie wollen den Süden Europas möglichst schnell verlassen. Viele riskieren auch dabei ihr Leben. In Patras – dem Hafen Athens – springen verzweifelte Flüchtlinge auf fahrende LKWs und versuchen so das Land zu verlassen.

Veröffentlicht unter http://fm4.orf.at/stories/1738291/

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