„I failed“

Whistleblower Thomas Drake hat lange für die NSA gearbeitet. Schon früh kritisiert er die Überwachung der eigenen Bürger.

9/11 löst in den USA eine bis dahin ungeahnte Überwachung der eigenen Bevölkerung aus. Die bisher für die Beobachtung von ausländischen Zielen eingesetzten Techniken und Mittel werden über Nacht gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt – denn die Terroristen hatten inmitten der amerikanischen Gesellschaft gelebt – für die Geheimdienste Grund genug, die Bürger auf Schritt und Tritt zu überwachen. Von da an erhält die NSA nahezu unbeschränkte finanzielle Mittel. „Dieser Anschlag war ein Geschenk“, sagt Thomas Drake. Er beginnt am 11. September 2001, für die NSA als Senior Executive zu arbeiten – Aufklärung wird zu seinem Beruf. Seine Aufgabe war nicht die Reaktion auf aktuelle Ereignisse, sondern das Auffinden von Warnhinweisen und Anhaltspunkten. Seine berufliche Laufbahn ist gemessen daran, was wir gemeinhin mit Spionmeinen, auf den ersten Blick ungewöhnlich.

Mitte der 90iger Jahre berät Thomas Drake im Silicon Valley unterschiedliche Start-Up-Unternehmen, darunter bereits weltweit erfolgreiche wie HP oder Sun Microsystems. Zur gleichen Zeit steht die NSA vor einer für den Geheimdienst neuen Herausforderung – dem Internet. Zu diesem Zeitpunkt ist die NSA weder technisch noch personell in der Lage, dieser Herausforderung Herr zu werden. So entschließt man sich zu einem für einen Geheimdienst ungewöhnlichen Schritt: man sucht „außerhalb“ nach qualifizierten Experten. Dazu wurden Anzeigen in allen großen Tageszeitungen geschaltet und auch online wurde nach passenden Bewerbern gesucht.

Auf diesem Weg erfährt Thomas Drake 2001 von den offenen Stellen, bewirbt sich und wird genommen. Sein erster Arbeitstag ist ausgerechnet der 11. September 2001. Zu diesem Zeitpunkt, sagt Drake, wußte er nicht, wie weit sich die amerikanische Regierung von ihren eigenen Spielregeln entfernen würde.

Die National Security Agency wurde offiziell zu Beginn des Kalten Krieges gegründet. Ihr Auftrag: Das Überwachen und Belauschen von Allem was belausch- und überwachbar ist. Die NSA beliefert mit ihren Erkenntnissen alle anderen Geheimdienste der Vereinigten Staaten.

Drake

ORF

Kurz nach 9/11 erhält die NSA umfassende Rechte, die eigenen Bürger können, oder viel mehr müssen überwacht werden. Die Frage die man sich in der NSA stellt, so erzählt Drake, ist, wo sich diese geheimen Zellen in unserer Mitte befinden, die es ermöglichen, derartige Anschläge zu verüben. Ziel der NSA wird, egenau diese Zellen in der eigenen Bevölkerung zu finden, ganz nach dem Motto „wo sind die übrigen Bedrohungen“?

Die ersten Monate von Thomas Drake in der NSA bestehen vor allem darin, seiner Vorgesetzte Marine Meginsky auf Schritt und Tritt zu folgen, um den Geheimdienst möglichst umfassend kennenzulernen. Dabei lernt Drake auch bald das Projekt „Trailblazer“ kennen. Dieses ist der erste Versuch der NSA, jegliche Kommunikation, die über das Internet läuft, zu überwachen und auszuwerten – also ein Vorgänger des von Edward Snowden enthüllten „PRISM“. Der „Patriot Act“ erweitert zwar die Befugnisse der Geheimdienste, setzt aber trotzdem nicht die übrigen Gesetzte außer Kraft. Damit, so ist Drake überzeugt, ist die Massenüberwachung der Bevölkerung von Beginn an illegal.

Deshalb entwickelt Thomas Drake für die NSA ein Programm zur Überwachung von Zielen im Informationszeitalter, das aber die Persönlichkeitsrechte der Bevölkerung schützt. Die NSA evaluiert dieses und auch Trailblazer und entscheidet sich für letzteres.

Geräte und Technologien die früher dazu dienten Feinde zu beobachten, werden seit dem 9. September 2011 gegen das eigene Volk eingesetzt. NSA-intern wird dieses Überwachungsprogramm „Stellar Wind“ getauft. Im Rahmen dieses Programmes beginnt die NSA alle Telefondaten, Internetdaten und auch Finanztransaktionen zu überwachen.

Der Paradigmenwechsel der damit einher geht ist, dass Überwachungen nicht aufgrund konkreter Anlässe verordnet werden, sondern die Überwachung fest im System installiert wird. Nicht wer verdächtigt wird wird überwacht, sondern es wird überwacht ob jemand verdächtig ist. Jeder Datensatz den die NSA abfangen kann, wird ab sofort gespeichert und nach möglichen Bedrohungen durchsucht. Dabei fallen noch nie dagewesene Mengen an Daten an, und das Data-Mining, also das Herausfiltern relevanter Daten, bildet fortan einen großen Teil der Agenten-Arbeit.

Bedenken die laut Drake viele Mitarbeiter der NSA äußerten, wurden von den Verantwortlichen beiseite geschoben. Es bestehen Kooperationen mit nahezu allen amerikanischen Telefonanbietern, jedes Gespräch wird belauscht. Neben den Telefonanbietern sind für die NSA auch Banken und Kreditkartenanbieter relevant, die laut Drake ebenfalls kooperieren. In wenigen Jahren wird so mehrere Millionen Mal gegen bestehende Gesetze verstoßen, so Drake. Er beobachtet, wie die systematische Überwachung in den Vereinigten Staaten und auch weltweit immer weiter ausgebaut wird und äußert über alle ihm zu Verfügung stehende Kanäle Bedenken. Er spricht mit Kongressabgeordneten, mit dem Verteidigungsministerium, mit der Regierung. Nichts davon trägt Früchte.

Überwachungskameras

ORF

Die Überwachung schließt natürlich auch die Kommunikation von Journalisten ein. Umso schwieriger ist es für mögliche „Whistleblower“ Kritik zu äußern und die Öffentlichkeit über die massive Überwachung zu informieren. Drake beginnt darüber nachzudenken wie er anonym Kontakt mit Journalisten aufnehmen kann, ohne dabei in die Fänge des eigenen Systems zu geraten.

2005 wendet sich Drake schließlich an die Zeitung „Baltimore Sun“ und gibt Dokumente weiter, die wie er sagt nicht als vertraulich eingestuft waren. Daraufhin erscheinen mehrere Artikel, die vor allem Missmanagement und Geldverschwendung innerhalb der NSA anprangern.

Das Überwachungsprogramm hat bis zu diesem Zeitpunkt bereits 1,2 Milliarden Dollar verschlungen. Nach den Veröffentlichungen gerät Drake bald selbst in das Visier der Ermittler. 2007 werden bei einer Hausdurchsuchung in Drakes Haus fünf als vertraulich eingestufte Dokumente gefunden, er wird angeklagt. 2011 werden allerdings die meisten Anklagepunkte wieder fallen gelassen, er wird lediglich wegen der Zweckentfremdung eines Computersystems schuldig gesprochen und zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt.

Von der NSA entlassen findet Drake keine Aufträge mehr als Unternehmensberater und bleibt lange arbeitslos. Heute arbeitet er bei Apple, als Verkäufer, in einem der zahllosen Stores.

Veröffentlicht unter http://fm4.orf.at/stories/1750298/

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