IS-Finanzierung Roundup

30.000 Jihadisten aus der ganzen Welt kontrollieren für den selbsternannten Kalifen al-Bagdadi den islamischen Staat in Syrien und im Irak. Bezahlt werden sie wie „normale“ Soldaten, aus der Staatskasse des islamischen Staates. Diese dürfte bislang gut gefüllt sein. Einnahmen aus Ölhandel, Schmuggel von Antiquitäten, Steuern, Erpressung und Kriegsbeute spülen monatlich Millionen in die Kassen des Staates. Mit den Geldern finanziert wird nicht nur der Kampf sondern der IS hat auch ein Art jihadistischen Sozialstaat aufgebaut. So erhalten verheiratete Kämpfer zusätzliche finanzielle Mittel um ihre Familien zu versorgen. Auch für den Transport ist gesorgt, in Mossul und in Raqqa stehen öffentliche Verkehrsmittel kostenlos zur Verfügung. Ebenfalls weiterbezahlt werden die Beamten, die den Staat am Laufen halten sollen – damit sorgt der islamische Staat bis zu einem gewissen Grad für Sicherheit. Jedes Monat gibt es Löhne, Menschen die sich an die Spielregeln der Terroristen halten haben nichts zu befürchten. Der Terrorismusfinanzierungsexperte Tom Keatinge geht davon aus dass der islamische Staat über den Militärhaushalt eines kleinen europäischen Staates verfügt.

Aber woher kommen die Einnahmen genau und wie funktioniert das Finanzsystem des IS? Der Versuch einer Annäherung.

Grundsätzlich muss man vorausschicken dass man keine exakten Angaben über die Einkünfte aus den unterschiedlichen Quellen machen kann, Informationen aus dem Inneren des IS gibt es dafür zu wenige. So sind alle diese Punkte im besten Fall auch nur eine Sammlung von Indizien.

1. Ölhandel

Große Teile des Einkommens des IS dürften aus Ölhandel stammen. Das Öl das dabei verkauft wird stammt aus Ölfelder die im Zuge der Kampfhandlungen unter die Kontrolle der Terrormiliz kamen. Dabei handelt es sich vor allem um Ölfelder im Osten Syriens die bis vor Kurzem noch unter Kontrolle von westlichen Unternehmen standen. Zusätzlich zapfen sie auch Öl aus Pipelines die durch ihre Regionen laufen ab. Insgesamt – so schätzt man – dürften die Miliz täglich 100.000 Barrel am Tag „fördern“. Das entspricht beim derzeitigen Marktpreis in etwa 5.700.000$. Das Rohöl wird anschließend zu ebenfalls besetzten Raffinerien gebracht wo das Öl weiter zu Benzin und anderen Produkten verarbeitet wird. Wichtigste Anlage für dieses Geschäft war Baidschi. Diese dürfte aber bereits im November von der irakischen Armee zurückerobert worden sein. Welche zentrale Positionen diese Anlage für die Finanzierung der Geschäfte des IS hatte zeigt mit welcher Hartnäckigkeit sie versuchen die Anlage zurück zu erobern. Um flexibel zu sein wurden bereits mehrere „Behelfsraffinerien“ errichtet um auch lokal Öl weiterverarbeiten zu können.

Nach der Weiterverarbeitung wird das Öl zumeist direkt im Irak, in Syrien oder in der Türkei weiterverkauft. Der IS greift dabei auf ein Netzwerk zurück das bereits seit den frühen 1990iger Jahren existiert. Damals wurde das Schmuggelnetzwerk errichtet um den Sanktionen zu entgehen die gegen Saddam Hussein verhängt wurden. Schmuggler bringen dann das Öl weiter an die türkische Grenze. Die Transportmittel die dabei verwendet werden reichen von klassischen Tanklastern über Traktoren bis hin zu Eseln. Auf den Weltmarkt dürftet das so verarbeitete Öl allerdings nicht gelangen, Großabnehmer findet der IS nicht.

Preislich verschleudert der IS das Öl um es schnell in Geld umzuwandeln, die verlangten Preise dürften bei ungefähr 20$ pro Barrel liegen, also nicht mal die Hälfte des aktuellen Marktpreises.

http://kurdischenachrichten.com/2014/11/erstmals-kurden-verhaftet-weil-is-oel-geschmuggelt-wurde/#sthash.hRdy0pjB.dpbs

http://www.wsj.de/nachrichten/SB11828383211784233876504580157333303504038

http://www.spiegel.de/politik/ausland/is-islamischer-staat-irak-erobert-offenbar-raffinerie-baidschi-zurueck-a-1003604.html

http://www.breakingnews.com/topic/bayji-s-alah-ad-din-iq/

http://www.dw.de/durch-%C3%B6lschmuggel-zum-kalifat/a-17963954

2. Schmuggel von Antiquitäten

Der IS hat auf seinem Eroberungsfeldzug quer durch Syrien und den Irak mehrer historisch bedeutende Städte und Stätten eingenommen und geplündert. Mehr als 10.000 historische Stätten befinden sich auf dem vom IS kontrollierten Gebiet. Dabei werden sowohl Ausstellungsstücke aus Museen gestohlen, aber auch Ausgrabungsstätten geplündert oder es werden zum Teil auch selbst Raubgrabungen durchgeführt. Zusätzlich erhalten die Jihadisten auch Kunstschätze und Antiquitäten von Privatpersonen, die diese aus Verzweiflung an die Terroristen verkaufen. Die so erbeuteten Antiquitäten und Kunstschätze werden über Zwischenhändler an große Netzwerke verkauft die auf Antiquitätenschmuggel und Schwarzmarktgeschäfte spezialisiert sind. Beliebte Handelsplätze dafür sind dann die Schweiz oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Dort werden die Antiquitäten mit gefälschten Papieren ausgestattet und über Auktionen verkauft. Schlussendlich landen sie so dann bei privaten Sammlern und Museen die oft über die zweifelhafte Herkunft nicht bescheid wissen.

Wie viel der IS tatsächlich mit Antiquitätenschmuggel verdient kann derzeit nicht gesagt werden, da auch noch immer Antiquitäten aus legalen Quellen am Weltmarkt gehandelt werden. Daher plädieren Experten auch dafür den Handel mit Kunstschätzen aus dieser Region zu sperren um einen Verkauf zumindest am offiziellen Markt zu verunmöglichen. So lange dies aber nicht der Fall ist dürften die Jihadisten mehrere Millionen mit dem Handel von Kunstschätzen verdienen.

http://www.deutschlandfunk.de/islamisten-miliz-kunsthandel-spuelt-millionen-in-isis.691.de.html?dram:article_id=291558

http://www.theguardian.com/world/2014/jun/15/iraq-isis-arrest-jihadists-wealth-power

http://jungefreiheit.de/service/archiv/?www.jf-archiv.de/archiv14/201428070430.htm

http://www.welt.de/politik/ausland/article134480185/So-wollen-die-UN-den-Islamischen-Staat-besiegen.html

3. Steuern

Die wichtigste Steuer für den IS ist wohl die Jihad-Steuer die der IS von der Bevölkerung und von Unternehmen einhebt. Dabei handelt es sich um eine Art Solidaritätsabgabe für die Weiterführung des Krieges. Zusätzlich erhebt der IS in weiten Teilen des von ihnen kontrollierten Gebietes eine Art Wegzoll direkt an extra dafür errichteten Checkpoints. Auch an den vom IS kontrollierten Grenzübergängen werden diese Wegzölle eingehoben. Zusätzlich wird von Angehörigen anderer Religionen noch eine Art Schutzgeld eingehoben, sofern diese nicht bereits hingerichtet oder vertrieben wurden.  

http://www.spiegel.de/politik/ausland/die-isis-milizen-sind-durch-raubzuege-reich-geworden-a-975387.html

http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article129365022/Die-Mafia-Methoden-der-Terrorgruppe-Isis.html

4. Lösegeld, Erpressung und Kriegsbeute

Bekannt und berüchtigt wurde der IS auch durch die brutalen Enthauptungen seiner Geiseln. Diese Enthauptungen werden vom IS vor Kamera inszeniert um so weitere Aufmerksamkeit für die anderen, noch lebenden Geiseln zu erhalten. Das ist zum einen eine politische Botschaft aber auch Ende eines dahinterstehenden Geschäftsmodells. Vor allem ausländische Journalisten und Hilfsarbeiter sind als Entführungsopfer „beliebt“, das liegt daran dass bei ihrer Entführung höchste mediale Aufmerksamkeit in ihren Heimatländern garantiert ist und, so denken die Terroristen die Zahlung von Lösegeld wahrscheinlicher ist. Die Dabei verlangten Summen rangieren dabei zwischen einigen wenigen Millionen bis zu – wie im neuesten Fall der beiden entführten Japaner – mehreren hundert Millionen Dollar. Die Geiseln kommen während den Verhandlungen mittlerweile höchstwahrscheinlich in ein zentrales, unterirdisches Gefängnis nahe Raqqa. Dort werden die Häftlinge dann teilweise gefoltert, teilweise „verhört“ und es werden Videobotschaften mit ihnen aufgezeichnet die sich an ihre Heimatstaaten richten. Von einigen Geiseln wie z.B. dem Amerikaner James Foley ist bekannt dass sie Gefangenschaft zum Islam konvertierten. Werden die Forderungen der Terroristen nicht erfüllt folgt früher oder später die Enthauptung – so auch im Falle von James Foley. Gerade die USA und England sind bekannt dafür keine Lösegelder zu bezahlen, daher sind es auch die Geiseln dieser Länder die am häufigsten für die grausame Inszenierung herhalten müssen.

http://www.nytimes.com/2014/10/26/world/middleeast/horror-before-the-beheadings-what-isis-hostages-endured-in-syria.html

http://www.nytimes.com/interactive/2014/10/24/world/middleeast/the-fate-of-23-hostages-in-syria.html?_r=0

http://edition.cnn.com/2015/01/22/opinion/ransom-keatinge/

5. Sklavenhandel

Ein ebenso grausame Einnahmequelle wie die der Entführungen ist der Handel, mit vor allem jesuitischen Sklaven. Besonders junge Frauen und Mädchen sind beliebt um mit ihnen vor und außerhalb der Ehe Sex zu haben. Rechtfertigung für diese Praxis finden die IS-Terroristen unter anderem in der Sure al-Nisa, dort heißt es „Und wer von euch nicht vermögend genug ist, um gläubige Frauen zu heiraten, der heirate von dem Besitz eurer rechten Hand unter euren gläubigen Mägden“, dabei wird Mägde als Sklavin interpretiert. Zusätzlich berufen sie sich auf das Recht der „Genußehe“ oder auch „Zeitehe“ um die Sklavinnen nach einiger Zeit, oder auch schon nach einer Stunde einfach wieder auf den Markt zu werfen. Wieviele Einnahmen durch diesen Sklavenhandel entstehen ist nicht bekannt, bekannt ist nur dass mehrere tausend Jesidinnen verschleppt und versklavt wurden, wie es ihnen dabei erging legte Ende vergangenen Jahres ein Bericht von Amnesty International offen (siehe nachfolgende Links). Wie es auf diesen Sklavenmärkten zugeht zeigt ein Video das im Herbst vergangenen Jahres erschienen ist – https://vimeo.com/110927634.

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/3875496/Von-IS-verschleppt_Sie-verkaufen-Frauen-auf-Sklavenmaerkten

http://www.eslam.de/begriffe/z/zeitehe.htm

http://islam.de/1411.php

http://www.zeit.de/politik/2014-12/amnesty-bericht-jesiden

http://www.amnesty.org/en/news/iraq-yezidi-women-and-girls-face-harrowing-sexual-violence-2014-12-23

6. Spenden aus dem Ausland

Der IS dürfte seit Beginn seiner „Tätigkeit“ vor Allem aus Saudi Arabien und den autokratisch regierten Staaten am Golf Gelder erhalten. Diese Gelder stammen nicht von den Staaten selbst sondern von reichen Geschäftsleuten und Firmen die diese Spenden als „Dienst am Glauben“ sehen. Was mit den Geldern passiert wird dabei zumindest geduldet, wenn es nicht sogar erwünscht ist. Zu Beginn war der IS von diesen Spenden abhängig aber seit einiger Zeit versorgt sich der islamische Staat selbst mit Geld. Aber zumindest einen Teil ihrer Waffen und Ausrüstung bezieht. Der syrisch-katholische Patriarch Ignatius Joseph III. Yonan wirft in diesem Zusammenhang dem Westen vor diese Praktiken zu billigen um weiterhin Öl aus den Golfstaaten zu erhalten.

http://www.sueddeutsche.de/politik/einnahmequellen-der-isis-beim-geld-hoert-die-feindschaft-auf-1.2012129

http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-07/islamischer-staat-gotteskrieger-finanzierung-syrien-irak

http://www.bbc.com/news/world-middle-east-30393832

Zusammenfassend kann man sagen dass es dem islamischen Staat gelungen ist seine Finanzierung unabhängig von externen Quellen zu machen. Das ist es auch was den IS so gefährlich macht, sagt Tom Keatinte, Experte für Terrorfinanzierung. Die Terroristen entziehen sich damit jedem politischen Druck der auf „verbündete“ Staaten ausgeübt werden könnte. Wichtiges Ziel ist es also die Geldquellen versiegen zu lassen, aber bei einer so breit aufgestellten Finanzierung dürfte das den Westen noch eine Weile vor Schwierigkeiten stellen, auch weil über die genauen Wege und Mittel der Terroristen nur sehr wenig bekannt ist.

Veröffentlicht unter http://fm4.orf.at/stories/1753468/

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